Da stehen sie, die Wacholdersträucher, an den Hängen der Wacholderheiden im Heidenheimer Land, jeder an seinem je eigenen Ort, gleichsam unverrückbar. Sie charakterisieren die Stelle, an der sie wachsen. Sie gewähren dem Wandernden einen ganz individuellen eigenen Einblick in ihre Landschaft, sie vermitteln ihm sein inviduelles Lebensgefühl. An jedem dieser Orte lassen sich gleichsam Häuser bauen, sie gewähren Unterschlupf zugleich mit Aussicht und Einsicht. Der Wacholder pägt den Ort und besigelt ihn.

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Oft machen die Wacholdersträucher einen eher dunklen, wilden Eindruck, vor allem wenn das Licht über den Wacholderheiden fehlt und dunkle Wolken über den Horizont jagen. Vom Sturm werden die dichten Sträucher heftig zerzaust und verlieren doch nie die Fassung. Im späten Herbst strahlen sie einen tiefen Ernst aus, der die Menschen an das „Memonto mori“ gemahnt. Sie teilen diese Wirkung mit ihren Anverwandten, den Zypressen, die die Landschaft der Toskana und Umbriens so tief prägen, Gedenkbäume der Verstorbenen scheinen sie dann zu sein.

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Einzig J. W. Goethe konnte diesen Eindruck der Menschen vom Wacholder nicht teilen. Er empfand deutlich, daß jeder einzelne Wacholderbaum gekrönt ist von einer „Säule des Lichtes“, die bis in den Himmel ragt. Er empfand, daß diese Sträucher die unverhüllbare Verbindung zwischen der düsteren Erde und dem Licht der Höhe gewährleisten und dadurch zu einem Sinnbild des Lebens werden. Die Menschen scheinen auf diese allgemeinen Eindrücke vom Charakter des Baumes oft angewiesen zu sein und geraten dann auf das Terrain des hochgradig Geheimnisvollen. Sie fangen an zu schwärmen und zu phantasieren und verpassen das eigentliche Wesen des Wacholders darüber. Viele Volkserzählungen und Märchen über den Wacholder, der ja auch „Machangaleboom“ genannt wird und als solcher in einer gruseligen Auferstehungsgeschichte von den Brüdern Grimm in ihren Märchen besungen wurde, ranken sich um diesen Baum.

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